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Was ist schon die große Welt gegen ein Leben auf dem "Englischen Berg"?

 

Ort mit einer langen Geschichte / Hermann Benecke jr. erzählt sie

Thedinghausen: Erholungssuchende, die vor allem im Sommer in Scharen das Weserufer und die umliegenden Spazierwege im Bereich der Ueser Brücke aufsuchen, wissen zumeist nicht, auf welch bedeutendem, "geschichtlichem" Boden sie sich bewegen. Während des 30jährigen Krieges erlangten nämlich Teile des Landstrichs einen bis heute dauernden "Ruhm". Im Winter des Jahres 1626/27 lagerten mehrere Kompanien des Grafen Anholt in unmittelbarer Nähe der Weser. Die Soldaten befanden sich in einer Gefechtspause, da starke Schneefälle und Frost die Kämpfe zum Erliegen gebracht hatten. Im Frühjahr 1627 lebte der Krieg wieder auf. Die Deutschen kämpften erbittert gegen die Dänen, die von den Engländern Unterstützung erfuhren. Eine alte Schrift belegt, daß im April 1627 vier englische Infanterieregimente und ein schottisches Hilfskorps auf der Weser eintrafen. Diese wurden dann in die Gegend von Achim-Uesen verlegt. Der Befehlshaber der Briten, General Morgan, ließ über die Weser bei Achim eine Schiffsbrücke errichten, um seinem berittenen Gefolge die Möglichkeit zu geben, durch Streifzüge in die Umgebung des Gegner zu beunruhigen. Die Schiffsbrücke selbst hatten die Briten durch Schanzen gesichert, die auf dem linken Weserufer angelegt worden waren. Zur Erinnerung an diese historischen Vorkommnisse erhielt das Gebiet der britischen Stellungen die Bezeichnung "Englischer Berg" - ein Eigenname, der bis heute erhalten geblieben ist.

Um 1730 soll hier nach mündlichen Überlieferungen ein erstes Wohnhaus entstanden sein. Es wird darin eine Hirtenkate vermutet, die von Vorfahren Hermann Beneckes, dem heutigen Bewohner und Besitzer des "Englischen Bergs" bewohnt und bewirtschaftet worden ist. Hermann Benecke jr. vermutet, daß seine Urahnen zunächst als Hirten und durch etwas Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt bestritten haben, sich jedoch später auf den Fischfang in der Weser, den Fährbetrieb und die Unterhaltung einer Schankwirtschaft konzentriert haben.

1898 baute der Großvater des heutigen Erben ein neues Bauernhaus und ließ die alte Hirtenkate abreißen. Hermann Benecke sen. hatte die berufliche Tradition seiner Vorfahren fortgesetzt und bis zum Jahr 1900 auch noch intensiv "Neunaugen" in der Weser gefischt. Er beabsichtigte, das Familienerbe an seinen ältesten Sohn Wilhelm weiterzugeben. Doch daraus wurde nichts.

Wilhelm fiel 1917 an der Front in Frankreich. Dem jüngeren Sohn Hermann blieb nun keine Wahl. Er, der in Bremen Buchhalter gelernt hatte, mußte die ihm verhaßte Tradition fortführen. Hermann Benecke jr. erinnert sich, daß sein Großvater nach dem Tod seines Ältesten in Schwermut verfiel und nur wenige Jahre darauf verstarb. Hermann Benecke baute die Landwirtschaft aus und betrieb im größeren Stil seinen Fährverkehr über die Weser. Erst nachdem im Jahr 1928 die erste Weserbrücke fertiggestellt wurde, ging der Fährbetrieb etwas zurück, aber noch immer nutzten zahlreiche Fußgänger und Fahrradfahrer die hölzernen Boote. Erst viele Jahre später - 1952 -stellten Beneckes mit der Fertigstellung der zweiten Ueser Brücke den Betrieb der Fähren ein.

Der unglückliche Erbe Hermann hatte mit seiner Frau Anna nur einen Erben für den Hof. So wurde auch dessen Sohn Hermann von den Eltern in die gleiche "Zwangsjacke" gesteckt, unter der Jahre zuvor der Vater selbst gelitten hatte. Auch er mußte den Hof und die ungeliebte Landwirtschaft fortführen. Dabei hatte sich Hermann jr. schon als Kind für Maschinenbau interessiert und galt in der Schule als talentierter Bursche. Hermann Benecke schmunzelt, wenn er sich an ein Ereignis erinnert, das fast zum Zerwürfnis des Dorfschullehrers mit seinen Eltern geführt hätte. Der hatte sich doch tatsächlich angemaßt, den Eltern vorzuschlagen, daß Hermann auf die Mittelschule nach Achim gehöre. Nach langen Querelen setzte Hermann seinen schulischen Werdegang zwar durch, doch gleich nach der Abschlußprüfung kam das "Aus" für die Geisteswissenschaften. Er mußte die Schulbücher gegen die Mistgabel eintauschen. Bis 1966 hielt Hermann Benecke jr. ungewollt zur Stange, dann entschlossen sich die Senioren, auch im Hinblick auf die strukturelle Entwicklung in der Landwirtschaft, den Betrieb und die Schankwirtschaft aufzugeben.

Hermann jr. nahm eine Tätigkeit in einem Industriebetrieb auf, konnte aber trotz seiner Abneigung nicht vom "Englischen Berg" lassen. Hier wurde er geboren, hier hat er immer gelebt und hier will er nach eigenem Bekunden den auch sterben. Heimatverwachsen nennt man das.

Und wenn in manchen Jahren das Hochwasser fast bis ins Wohnhaus steht, dann gewinnt Benecke auch diesem Umstand noch etwas schönes ab. "Das waren noch Zeiten", philosophiert Benecke, wenn er an das Jahr 1946 zurückdenkt. Ein 12jähriger Steppke sei er damals gewesen, als er das bislang schwerste Hochwasser erlebt habe. Fast bis in die Stube sei das Wasser damals gelaufen, da die durch den Krieg völlig zerstörte Talsperre keinen Schutz mehr gegen die Wassermassen geboten habe. "Land unter!", hätte es damals in der weiten Umgebung geheißen. Erde, die hätte man am "Englischen Berg" nur noch in den Blumentöpfen zu sehen bekommen.

Aber noch ein anderes, phantastisches Erlebnis verdankt Benecke dem Umstand, daß er hier draußen zu Hause war. 1966 drehte nämlich der amerikanische Erfolgsregisseur Richard Lester Szenen seines Spielfilms "How I won the war" im Uesener Weserbereich. Prominente Schauspieler wie Karl-Michael Vogeler und Michael Crawford waren mit der Partie. Und auch unser Hermann Benecke jr ., der sich durch seine pfiffige Art einen ausgedehnten Komparsenjob beim Film gesichert hatte. Als Statist wußte er zudem, die Hühner des Bauernhofes zu vermarkten, die er für 3,50 Mark pro Stück und Tag vermietete. Nicht ohne Stolz erzählt Benecke, daß er damals unter dem Künstlemamen Ben Herms mitgewirkt habe und vom Film gar für weitere Szenendrehtage in Bergen-Hohne weiterverpflichtet worden sei. Hier ist er dann nach eigenen Angaben auch dem Superstar des Films begegnet - John Lennon, der in der Rolle eines GI's dem Film Zugkraft ver- leihen sollte. Benecke vertritt aber die Meinung, daß Lennon sich ganz und gar nicht wie ein "volksnaher Star" benommen habe, sondern er habe vielmehr einen sehr introvertierten Eindruck hinterlassen. "Damals", sinniert Benecke, "habe ich gar die Chance gehabt, mit dem Filmteam ins Ausland zu gehen. Doch die Eltern waren bereits zu alt. Was ist schon die große Welt gegen ein Leben auf dem "Englischen Berg"?

Verdener Zeitung vom 21./22.11.1992

Und was geschah seitdem?

Hermann Benecke starb im April 1994 im Alter von 59 Jahren - auf dem Englischen Berg wie er es vorausgesagt hatte. Sein Sohn Bernd Benecke wurde neuer Besitzer, wie auch der STERN zu berichten wusste:

Geborene Gewinner

Rüdiger Jungbluth im STERN vom 18.5.2000

Manchmal verknüpfen Erbfalle Menschen, die schon lange nicht mehr miteinander zu tun hatten. Die Todesnachricht war seit Jahren das Erste, was Bernd Benecke, 36, über den Vater erfahren hat. Die Eltern hatten sich früh getrennt. Vom Vater erbte der Journalist aus München einen Campingplatz an der Weser. Zum Nachlass zahlten ein paar Dutzend Dauer-Camper, die dort ihre Freizeit verbringen.

Auf eine Vorhut traf Benecke bereits bei der Beerdigung. "Das war die Konfrontation mit einer völlig neuen Welt." Menschen, die im Sommer Jever-Pils-Fahnen aufziehen und sich um frei werdende Stellplätze in attraktiver Uferlage kabbelten. Erst wollte Benecke verkaufen. Dann hat er am "Englischen Berg" - so heißt das Idyll in Achim - seine Heimat entdeckt. Das Backsteinhaus, in dem schon Beneckes Großeltern gelebt hat, ten, bekam ein neues Dach. Der Erbe richtete sich eine Wohnung ein. Alle paar Monate ist er dort. Die Camper sind ihm ans Herz gewachsen..

Aber auch diese Zeiten sind vorbei. Da der Landkreis den Campingplatz nicht länger tolerieren wollte, mussten im Herbst 2001 alle Zelte und Wohnwagen endgültig abgebaut werden:

Das Verschwinden der kleinen Paradiese

Alexandra Kuitkowski im Achimer Kurier vom 4.10.2001

Ein Haufen Schutt, mehr ist nicht geblieben. Nur wer genau hinsieht, findet im Staub noch Spuren der Familien, die hier seit Jahrzehnten jeden Sommer verbracht haben: eine Puppe, einen rostigen Grill, einen Gartenzwerg. Mit zornigem Eifer räumt Monika Birkhahn ihren alten Wohnwagen aus. Alles kommt auf den Müll, zuletzt das betagte Gefährt selbst. "Wir gehen nicht freiwillig" , sagt sie. Aber der Landkreis kennt kein Pardon. Nicht genehmigte Campingplätze an der Weser müssen bis 15. Oktober geräumt werden.

Der Streit ist so alt wie die Republik. Nach dem Krieg ließen sich ausgebombte Städter am idyllischen Weserufer häuslich niedergeduldet von den Behörden, denn die hatten andere Sorgen. Aus der Not wurde schnell eine Tugend: Die Camper entdeckten den unschlagbaren Freizeitwert ihrer wilden Ansiedlungen direkt am Ufer. "Attraktiver als in der ersten Reihe kann man seinen Urlaub natürlich nicht verbringen", sagt Umwelt-Dezernent Claus Schimmelpfennig vom Landkreis Verden. Die Sommerfrische mit Panoramablick auf das Wasser war bald so beliebt dass die legalen Alternativ-Angebote kaum jemanden aus dem Wohnwagen lockten. Schimmelpfennig: "Mit diesen Konditionen konnten die offiziellen Campingplätze nicht mithalten."

Das sieht auch die Achimerin Monika Birkhahn nicht anders. 20 Jahre hielt sie dem privaten und nie genehmigten Campingplatz am "Englischen Berg" in der Samtgemeinde Thedinghausen die Treue: "Der Platz war klein und wir waren hier eine eingeschworene Gemeinschaft. Eine winzige Parzelle auf einer Riesenanlage, das wäre für uns nichts gewesen." Für die 59-jährige ist unverständlich, warum der Landkreis 1996 beschloss, jede weitere Campingnutzung auf dem landschaftsgeschützten Gelände zu untersagen: "Wir haben hier doch alles in Ordnung gehalten" sagt Birkhahn. "Wir werfen keinen Müll in die Gegend wie die Tagestouristen, die abends wieder verschwinden."

Schimmelpfennig kann dieser Argumentation nichts abgewinnen. "Wo Camper sind, gibt es Müll, da werden auch Abwässer produziert, die entsorgt werden müssen", so der Dezernent. Auf dem "Englischen Berg" war dieses Problem allerdings geregelt. "Ich habe auf Anordnung des Landkreises vor fünf Jahren noch eine Klärgrube für 30000 Mark gebaut", erbost sich der Münchener Campingplatz-Betreiber Bernd Benecke. Dem Ärger des Eigentümers begegnet Schimmelpfennig gelassen. Der Dezernent kontert: "1996 war die Räumung beschlossene Sache, es war klar, dass mit der neuen Klärgrube nur eine Übergangslösung geschaffen wurde." So wie für andere Plätze auch, gab es für Beneckes Camper-Paradies nach dem Räumungsbeschluss eine fünfjährige Gnadenfrist, die in diesen Tagen abläuft. "Irgendwann ist Feierabend. Dieser ganze Streit füllt bereits drei Aktenschränke" sagt Schimmelpfennig .

Dabei wird es wohl kaum bleiben. Bernd Benecke will nicht akzeptieren, dass der Aktendeckel endgültig über dem Streitfall "Englischer Berg" zugeklappt wird. Denn während dem gebürtigen Achimer mit Hinweis auf den Landschaftsschutz jede Freizeitnutzung seines Geländes untersagt wurde, schippern über die Weser immer mehr Erholungssuchende heran. Sie machen direkt vor seiner Nase an nagelneuen Bootslegern fest. Pech für die Camper: Über Fluss und das angrenzende Ufer entscheidet nicht der Landkreis, sondern das Wasser- und Schifffahrtsamt, eine Bundesbehörde. Die hat den Naherholungswert der Wasserstrasse für stressgeplagte Städter gerade erst entdeckt und will noch ganz viele Anleger bauen. Vertriebenen Wohnwagenbesitzern bleibt da nur die Flucht ins Hausboot.

webmaster@englischer-berg.de

Interessante Infos gibt es auch unter:

www.bernd-benecke.de